Steinrinne Bilzingsleben

Ausgrabungsstätte Steinrinne Bilzingsleben

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Unweit der Gemeinde Bilzingsleben schlummert in der leicht hügeligen Ebene zwischen Hainleite und Kyffhäuser auf einem fußballfeldgroßen Terrain eine anthropologische Sensation: eine frühmenschliche Lagerstätte aus prähistorischer Zeit, die – so deuten es Experten – erste soziale Strukturen einer hominiden Gemeinschaft in Europa belegt.

Vor etwa 400 000 Jahren lebte, jagte und arbeitete hier eine ganz offensichtlich kulturfähige Hominiden-Sippe.

Heute gilt der Bilzingslebener Fundort, der von einem Team um Prof. Dr. Dietrich Mania von der Universität Jena erforscht wurde, als Kulturerbe von Weltrang.

Die Travertine der Steinrinne sind schon seit dem Mittelalter bekannt gewesen und abgebaut worden. So besteht die 1508 erbaute Stadtmauer von Kindelbrück größtenteils aus diesem Kalktuff. Doch Urkunden und eine Inschrift an der Kindelbrücker Kirche beweisen eine Abbautätigkeit, die ins 13. Jahrhundert zurückreicht.

Die erste schriftliche Erwähnung von fossilen Kieferknochen und Zähnen aus dem Steinbruch stammt aus dem Jahre 1710, als David Siegmund Büttner in dem Werk „Rudera diluvii testes i.e. Zeichen und Zeugen der Sündfluth“ darauf aufmerksam machte. Seither wurde die Fundstelle des öfteren von verschiedenen Wissenschaftlern und Laienforschern aufgesucht, von denen hier nur exemplarisch die wichtigsten genannt werden. Bedeutend ist der Fund eines menschlichen Schädels, den Freiherr Friedrich von Schlotheim (1765-1832) im Jahre 1818 in „Leonhards mineralogisches Taschenbuch“ erwähnte. Dieser soll mit Kalk überzogen gewesen sein und müsste demnach aus dem Travertin stammen.

Von Schlotheim erwähnte den Schädel in den folgenden Jahren mehrmals, leider ist er aber heute nicht mehr auffindbar. Es wäre jedoch interessant zu wissen, ob es sich wirklich um einen fossilen Schädel gehandelt hat, denn wenn dem so wäre, würde der Bilzingslebener Fund einen der frühesten bekannten Funde eines fossilen Menschen überhaupt darstellen!

Am Beginn des 20. Jh. stehen vor allem die Arbeiten von Ewald Wüst.Er berichtete 1908 erstmals von Feuersteingeräten als Hinweis auf die Anwesenheit des fossilen Menschen in Bilzingsleben.

Im Jahr 1922 übernahm Adolf Spengler die wissenschaftliche Aufsicht über Bilzingsleben. Er sammelte sowohl archäologisches als auch paläontologisches Material. Herausragend ist der Fund eines menschlichen Backenzahnes, den er Ende der 20er Jahre in der Seekalkschicht entdeckte. Auch dieser Fund ist heute leider verschollen.

In der Folgezeit blieb Bilzingsleben im Blickpunkt des wissenschaftlichen Geschehens, auch wenn das Interesse sich zunehmend auf die Travertine und deren reiche archäologischen und paläoanthropologischen Funde von Ehringsdorf verlagerte. Bemerkenswert ist, daß während dieser Zeit von fast allen Wissenschaftlern, die sich mit den Funden von Bilzingsleben beschäftigten, eine sehr junge, Stellung in Betracht gezogen wurde. Bilzingsleben sollte demnach, trotz der hohen Lage über der Wipperaue, den Fundstellen von Weimar, Burgtonna und Ehringsdorf gleichgestellt werden und ein eiszeitliches Alter besitzen.

Während quartärpaläontologischen Untersuchungen im Jahre 1969 durch D. Mania wurden zahlreiche Fossilien und Artefakte in der bis dahin noch wenig bekannten Fundschicht entdeckt, was zum Beginn einer archäologischen Forschungsgrabung ab 1971 führte. Schon kurze Zeit später, nämlich 1972 , wurde der erste Rest eines fossilen Menschen, ein Hinterhauptsbein, gefunden, das aber erst bei der Durchsicht des Materials im Jahre 1974 als solches erkannt wurde.

Im Laufe der Ausgrabungen erwuchs Bilzingsleben zu einer der wichtigsten altpaläolithischen Fundstellen in Europa. Bis 1999 wurden 37 Reste des Menschen freigelegt. Das bisher geborgene Fundmaterial umfaßt mehr als 140.000 Feuersteinartefakte, Tausende andere Geräte aus Stein, Knochen, Geweih, Elfenbein und Holz sowie mehrere Tonnen an faunistischem und botanischem Material. Aus diesem Material kann die Kultur und Umwelt des frühen Menschen mit hoher Genauigkeit rekonstruiert werden.

In den letzten 40 Jahren wurden insgesamt 9 internationale Kolloquien durchgeführt, über 220 Einzelpublikationen in mindestens fünf Sprachen und 5 Monographien veröffentlicht. Zudem wurde ein Förderverein mit eigener Schriftenreihe gegründet. Ein internationales Forschungsteam mit Spezialisten aus mehreren europäischen Ländern wurde aufgebaut, daneben arbeiteten noch Wissenschaftler aus Amerika, Asien und Australien auf der Fundstelle.